Wie Du die 3 größten Fehler beim Einstieg in Tai Chi vermeidest

Wie Du die 3 größten Fehler beim Einstieg in Tai Chi vermeidest

Wenn Du etwas angehst, dann – klar – willst Du es auch richtig machen. Es soll praktisch die beste Version von Dir selbst werden. Dieser Ehrgeiz begleitet uns seit unserer Schulzeit und ist Teil unserer westlichen Leistungsgesellschaft. Es ist naheliegend, dass wir ihn mit in unser Tai Chi Training nehmen. Und hier wird’s jetzt, sagen wir mal, schwierig… 

Perfekt entspannt?

Wenn wir etwas richtig machen wollen, wenn es perfekt werden soll, dann sind wir sehr konzentriert. Abweichungen und Fehler gilt es zu vermeiden. Im Tai Chi konzentrierst Du Dich am Anfang auf die „richtige“ Bewegung. Du möchtest Dich möglichst genau so bewegen, wie Dein Lehrer sich bewegt. Möglichst genau seinem (äußerlich sichtbaren) Ideal folgen. Weil er ja weiß, wie es geht, weil es bei ihm/ihr einfach richtig gut aussieht und Du eigentlich bereits vom zuschauen entspannst. Wenn Du dann Deine Bewegung beobachtest, merkst Du schnell, dass das bei Dir eine ganz andere Welt ist, dass es hier und da hakt und stockt, Du noch viel nachdenken und überlegen musst und Dir vielfach auch eine Idee zur Bewegung fehlt. Du spürst die Diskrepanz, kannst sie aber nicht in Worte fassen. Es ist irgendwie „unrund“ oder „unentspannt“ oder sonst wie „un…“. Also fragst Du Deinen Lehrer. Er antwortet Dir mit allgemeinen Sätzen wie: „Du musst mehr lösen.“, oder „Bewege Dich mehr aus der Mitte heraus.“ Doch selbst, wenn Du eine Idee hast, wie Du das umsetzen kannst, ist es immer noch nicht dasselbe. Auf Deinen Hilfe suchenden Blick kommt dann womöglich ein Satz wie „Das kommt mit der Zeit.“ Das hilft Dir jetzt aber gar nicht, denn was genau sollst Du denn üben, damit es besser wird? Üben ohne Plan erscheint Dir nicht wirklich zielführend. 

Wenn Du es schaffst, die Perfektion abzulegen und die Bewegung in ihrer für Dich im jetzigen Moment bestmöglichen Art und Weise zu trainieren, entsteht mit der Zeit etwas Sonderliches. Du bewegst Dich mit all den Fehlern und durch deren Akzeptanz gewinnst Du mehr Entspannung und mehr innere Ruhe. Du ärgerst Dich nicht über Dein aktuellen Trainingslevel, sondern akzeptierst ihn und arbeitest mit dem, was Du hast. Du trainierst Tai Chi. Das ist mehr, als Du vielleicht denkst. Und mit der Zeit erinnerst Du Dich an die Worte Deines Lehrers und merkst, dass sie plötzlich Sinn machen, Du sie endlich nachvollziehen kannst. Das ist ein wunderbarer Moment. 

Also hänge den Perfektionismus vor dem Tai Chi Training an den virtuellen Nagel und erkenne, dass es ein seeehr langer Weg ist, der eigentlich nie zu Ende ist. Weil: Tai Chi zu praktizieren bedeutet auf dem Weg zu sein, nicht ein Ziel erreicht zu haben. Es geht um die Handlung, nicht um das Ergebnis. Das meint auch der Satz „Der Weg ist das Ziel.“ Und egal an welcher Stelle Du Dich gerade befindest, es geht um die Richtung. 

Kein regelmäßiges eigenes Training

Tai Chi gehört zu den übenden Verfahren. Erst durch regelmäßige Praxis entfaltet es seine wahre Wirkung. Gerade am Anfang hast Du Angst, etwas Falsches zu üben, falsche Bewegungen zu machen oder einzelne Bewegungen zu vergessen. Das Tai Chi Training ist ein bisschen wie Erste Hilfe: Nichtstun ist das Schlimmste. Also beginne am besten direkt nach der ersten Stunde mit regelmäßiger eigener Praxis. Am Anfang reichen ein paar Sekunden täglich. Übe so weit, wie Du die Form oder die Seiden- bzw. Aufwärmungen behalten hast. 

Es geht in den ersten Monaten vor allem darum, eine regelmäßige Trainingspraxis in Deinen Alltag einzubauen. Am besten natürlich täglich. Aber bevor Du Dir zu große Ziele setzt, die Du dann doch nicht umsetzt, schau, was für Dich realistisch ist. Fang so niederschwellig an wie möglich. 10 Sekunden nach dem Zähneputzen. Einmal durch die Form, kurz bevor Du morgens zur Arbeit aufbrichst. Eine kurze Stehende-Säule-Meditation, während Du auf Deinen Kaffee wartest.

 
Oft höre ich das Argument: „Ich habe Angst, falsch zu üben, daher habe ich nichts gemacht.“ Interessanterweise bringen Fehler Dich hier wirklich weiter: Wenn Du eine Bewegung “falsch” machst, wirst Du in der nächsten Stunde korrigiert. Idealerweise erklärt Dir Dein Lehrer den Grund z.B. die richtige Anwendung der Bewegung oder mithilfe eines Tai Chi Prinzips. Mit diesem Wissen wirst Du diesen „Fehler“ in Zukunft nicht mehr machen und bekommst zusätzlich ein besseres Verständnis für die Bewegungen insgesamt. 
Wenn Du also viel übst, dabei (viele) Fehler machst, dann lernst Du viel. Aus Fehlern wirst Du klug.

Die Suche nach Quick-Wins

Die meisten Anfänger beginnen mit Tai Chi, weil sie unter etwas leiden, dass sie gerne „weg Haben“ möchten. Unruhe, Stress oder Rückenschmerzen werden hier am häufigsten genannt. Diese Leiden haben Ursachen in der falschen Körperhaltung, im Mangel an Bewegung, in einer beruflichen oder privaten Situation, die problematisch ist. Wir wollen uns jedoch damit eher nicht beschäftigen, sondern nur davon befreien, möglichst ohne, dass wir selbst dafür viel tun müssen. Die ideale Medizin ist für uns eine Pille oder eine Massage, die das Störende “wegmacht”. Möglichst sofort. Quick Wins heißt das neudeutsch. Wenn z.B. eine App nicht sofort verstanden wird oder das macht, was wir von ihr erwarten, löschen wir sie sofort. (Erinnere Dich: Früher wurden den Computerprogrammen seitenlange Handbücher mitgeliefert und man wusste, dass man sich mehrere Stunden mit dem Thema beschäftigen musste, um es zu verstehen.)

Doch hier stößt Tai Chi ganz schnell an seine Grenzen. Fehlhaltungen, die über 20, 30, 40 oder noch mehr Jahre unbewusst vom Körper einstudiert wurden, können kaum nach 4 Wochen “behoben” sein. Auch die innere Unruhe ist oftmals in einem ganzen System verhaftet, das kaum durch eine Stunden Tai Chi in der Woche verschwindet. Du solltest Dir, Deinem Körper und auch Deinem Lehrer die Chance und damit die Zeit geben, Veränderungen herbeizuführen. Wie lange ist schwer zu sagen. Körperliche Beschwerden verbessern sich oftmals nach ein paar Monaten, bei Stress und Unruhe kann das auch schon mal länger dauern.

Oftmals merkt das Umfeld die Veränderung eher als der Übende selbst. Nimm Dir vier, besser sechs Monate Zeit und trage einen Termin in sechs Monaten in Deinen Kalender ein. Bis dahin bleibst Du am Ball und dann lässt Du Deine Tai Chi Praxis Revue passieren: Was hat sich verändert, wie viel hast Du trainiert, bist Du dran geblieben? Ohne regelmäßiges Training, keine Veränderung.

Und was kannst Du jetzt konkret tun? Ganz einfach: Weg vom Rechner, Tablet oder Handy und starte mit ein paar Übungen. Anregungen findest Du z.B. auf meinem YouTube-Kanal.