Kapitel 43

Das Allerweicheste der Welt
Holt im Rennen das Allerhärteste ein:
Ins Lückenlose dringt, was ohne Sein...

Lao-tse, Tao-Tê-King, Kapitel 43 (ca. 500 v. Chr.)

Das Übungssystem im Überblick

Yin - Yang - Yi

Tai Chi ist eines der ältesten gesundheitsorientierten Verfahren, das Körper und Geist in Bewegung trainiert. Wer sich entschließt, Tai Chi zu erlernen, profitiert von einem über die Jahrhunderte entstandenen unerschöpflichen Erfahrungswissen über die Pflege der Vitalkraft.

Da bis heute leider keine vollständig verfasste und jedem zugängliche Übungslehre des Tai Chi Chuan vorliegt, existiert das Wissen über Tai Chi ausschließlich im geistigen Netzwerk der unzähligen verschiedenen Meister. Diese haben ihre Übungspraxis aus den verschiedensten historischen und persönlichen Gründen lange als Geheimlehre ausgegeben.

Viele erheben bis heute mehr oder weniger offen Anspruch darauf, im Besitz der „wahren Lehre" zu sein. Und nur wenige Meister arbeiten an einer Weiterentwicklung oder sind bereit, ihr Wissen in einem offenen Unterricht an andere weiterzuvermitteln.

Vor diesem Hintergrund entwickelten sich die diversen Tai Chi-Stile mit den unterschiedlichsten Zielen und Übungsbausteinen.

Ein sehr altes Bild zur Beschreibung der so genannten „inneren Übungen" (chin.: Nei Kung) im Tai Chi-Trainingskonzept ist das Schmieden oder Falten von glühendem Stahl zu einer Schwertklinge. Traditionelle asiatische Schwertschmiedekunst verbindet weiche und harte Stähle, damit sie einerseits biegsam und elastisch sind, um nicht zu brechen, andererseits hart und scharf, um stabil schneiden und stechen zu können.

Auf die Gesundheit des Körpers übertragen, bedeutet das, er wird durchlässig für wichtige Stoffwechselprozesse und gleichzeitig widerstandsfähig gegen schädliche Einflüsse von außen.

Die Kraft, die ein Übender durch Nei Kung entwickelt, nennt sich Nei Jing.

Das Nei Kung System lässt sich - stark vereinfacht - in drei Teile gliedern: Yang, Yin und Yi.

Yang, beinhaltet Übungen zur Entwicklung von Beweglichkeit, Weichheit und Entspannung (Yang - wie Äste und Blüten eines Baumes).

In diesen Übungen steht das Dehnen von Muskeln, Sehnen und Gelenken, das weiche fließende Bewegen und das Entspannen in Ruhe im Vordergrund. Beispiele hierfür sind die 24 taoistischen Gesundheitsübungen und das Dao Yin (Tao Yoga). Sie sind Dehn- und Streckübungen in Bewegung und in Ruhe. Das weiche fließende Bewegen in der Choreographie der Yang-Form bringt wohltuende Entspannung.

Yang-orientierte Übungen machen den Körper und seine Bewegungen locker und geschmeidig.

Yin, der zweite Bereich des Nei Kung Systems, beinhaltet Übungen zur Entwicklung von Ruhe, Stabilität und Kraft (Yin - wie der Stamm und die Wurzeln eines Baumes).

In diesen Übungen steht das Aufbauen von isometrischer stehender Kraft im Vordergrund.

Die sechs Chi Kung Positionen dienen dem Aufbau isometrischer Kraft im ruhigen aufrechten Stehen in sechs ausgewählten Grundhaltungen. Das aufrechte Stehen in einzelnen Positionen der Choreographie der Yang-Form stabilisiert die Kraft in der Bewegung.

Yin-orientierte Übungen entwickeln einen stark verwurzelten und stabilen Körper.

Yi, der dritte Bereich des Nei Kung-Systems, beinhaltet Übungen zur Steigerung der Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung (Yi).

In diesen Übungen steht das Training der psychischen Leistungsfähigkeit im Vordergrund. Während der taoistischen Sitzmeditation konzentriert man sich auf bestimmte meditative Haltungen und richtet die Wahrnehmung auf verschiedene Körperempfindungen (Chi-Wahrnehmung). Die Konzentration auf den Atem und verschiedene Atemtechniken erhöhen die Aufmerksamkeit.

Ting Jing, die Fähigkeit zur sensiblen Wahrnehmung der Bewegungen des Partners, und Tung Jing, die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Bewegungsintensionen des Partners, werden im Tui Shou geübt.

Yi-Übungen erhöhen die Konzentrationsfähigkeit und sensibilisieren die Wahrnehmung.

Je feiner das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Fertigkeiten, desto nützlicher werden die daraus resultierenden Effekte, die ein Tai Chi Chuan-Übender erreicht.

Die folgende Graphik veranschaulicht den Nei Kung Übungsprozess: Eine Anzahl von Tai Chi Chuan-Übungen sind ihrer Wirkungsweise nach zwischen drei Achsen angeordnet, die die oben beschriebenen drei Trainings-Hauptaspekte darstellen: Beweglichkeit & Weichheit (Yang), Ruhe & Stabilität (Yin) und Aufmerksamkeit (Yi) darstellen.

Die anfänglichen Übungen befinden sich im äußeren Bereich. Je näher die Übungen zur Mitte hin angeordnet sind, desto fortgeschrittener sind sie.

Der Übende startet sein Training also am äußeren Rand und arbeitet sich entlang der Spirale kreisend nach innen weiter. Dabei steigert er erst jeweils die Einzelaspekte, um diese dann auf einem höheren Niveau zu verbinden. Im traditionellen Sinn entwickelt der Übende Nei Jing.

Wegen dieses Trainingsverlaufs spricht man traditionell auch von einem Prozess der inneren Alchemie, der Verschmelzung von Yin- und Yang-Aspekten, den man während des Trainings von Tai Chi Chuan durchläuft. Ähnlich wie in einem gut organisierten modernen Trainings- oder Therapieprogramm kann der Aktive sich im Laufe der Zeit seinen individuellen Übungsplan entsprechend seiner Konstitution und seinen Übungszielen selbst zusammenstellen.

Die Kraft (Nei Jing), die ein Übender im Nei Kung Training entwickelt, setzt sich stufenweise zusammen aus zahlreichen verschiedenen Fertigkeiten, die vereinheitlicht als Energien (Jing) bezeichnet werden. Jede dieser Fertigkeiten stärkt bausteinhaft einen Teil der psycho-physischen Konstitution sowie der kommunikativen Kompetenz.

Innerhalb dieser vielseitigen Aspekte können wir eine vielschichtige Gesamtkonstitution entdecken, die in der traditionellen Vorstellung im Tai Chi angestrebt wird. Es geht um eine kreative und spontane (tzu-jan) innere Haltung, die frei und anpassungsfähig ist. Der Geist (shen) und die Aufmerksamkeit (Yi) sind konzentriert und führen unsere Kräfte (Chi, Jing) durch den gelassenen (song) Körper. Die Atmung dehnt sich aus (kai) und zieht sich zusammen (he), indem sie den Körper durchströmt und ihn dabei bewegt. Die Durchlässigkeit des Körpers (xu) lässt eine vertiefte Blutzirkulation zu (dongli). Diese Aktivität stärkt mit der Zeit Knochen, Organe und den gesamten Körper, sodass auch stabile, verdichtete Kraft (shi) mobilisierbar wird. Das ausgeprägte Zusammenspiel von Weichheit (rou) und Härte (gang) machen unsere Bewegungen geschmeidig wie einen Seidenfaden (chansijin) und durchdringend zugleich. Der Grundsatz des Geschehenlassens (wuwei) ist eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung dieser kraftvollen Geschmeidigkeit von Körper und Geist.

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